Newsletter #4: Lesen, was man nicht kennt

#4・
16

Ausgaben

Abonniere unseren Newsletter

By subscribing, you agree with Revue’s Nutzungsbedingungen and Datenschutzbestimmungen and understand that Newsletter: Ein Gedanke, eine Mail will receive your email address.

Revue
 
 

Newsletter: Ein Gedanke, eine Mail

22. Oktober · Ausgabe #4 · Im Browser ansehen

Mein Motto: Einfach machen. 🚀 Du erhĂ€ltst von mir in diesem Newsletter Anmerkungen und Hinweise zu Bemerkenswertem in der digitalen Welt – aber fokussiert: ein Gedanke, eine Mail. Lieferrhythmus dann und wann.


Niemand ist davor gefeit: In der digitalen Filterblase merkst Du nicht mehr, was außerhalb Deiner Kreise vor sich geht. In Berlin wie in Koblenz gibt es nur ein Mittel dagegen: Diversifikation beim Lesen. Wie liest man, was man nicht kennt?

Foto: @fahrulazmi
Foto: @fahrulazmi
Die Augen offenhalten, rausgehen, mit den Leuten sprechen. So galt es frĂŒher vor allem im Lokaljournalismus. Heute kommen die Leute von draußen rein, direkt aufs Handy oder auf grĂ¶ĂŸere Schirme. Gequatscht wird dann ebenfalls, wenn auch anders. Gestandene Beziehungen verabreden sich Hunderte von Kilometern voneinander entfernt zum „gemeinsamen“ Netflix-Gucken (nicht wahr, S.?), starten auf die Sekunde genau zeitgleich den Film der Wahl – und tauschen sich dann im trauten WhatsApp-Chat ĂŒber das Bildschirmgeschehen aus. Es gibt diese Sehnsucht nach Gemeinschaftserlebnissen, im endlosen Digitalen erst recht. Netflixparty und Rabbit heißen zwei Werkzeuge, um das in Sachen gemeinsames Glotzegucken noch ein bisschen auf die Sekunde genauer zu machen.
Davon zeugen auch die Hashtags. Ob #ltwby18 und #ltwby fĂŒr politisch Interessierte zur Landtagswahl Bayern, #DHDL zum abendlichen Kaminfeuer namens Startupbewertung oder #Rolex fĂŒr ein Stadion Empörter ĂŒber ein Stadium kleingeistiger und neidischer Empörung: Hashtags sind aufs Bemerken vermeintlicher Strömungen aus und verstĂ€rken doch gelegentlich nur aufmerksamkeitsstarke Extreme. Besonders in Kreisen von Journalisten und Politikern.
Sich zu vernetzen und neue Gemeinschaften zu bilden, das befördern so auch Facebook, Instagram und Twitter. Das ist, gepaart mit kleinteiligster Werbung, ihr GeschĂ€ftsmodell. Deren Filter spĂŒlen bevorzugt jene BeitrĂ€ge anderer in die eigene Timeline, mit denen man interagiert hat. Wenn dann eine Facebookseite wie „UnnĂŒtzes Hannoverwissen“ mit einem ganz merkwĂŒrdigen psychologischen Mechanismus diese Sehnsucht nach Gemeinschaft triggert, markieren sich da mal eben in 200 Kommentaren die Leser gegenseitig, und der Beitrag erreicht nicht weniger als 19.300 Leser nach der FacebookzĂ€hlweise.
Massenhaft vorgenommen, befördern uns diese Mechanismen in Filterblasen. Erfunden wurde der Begriff bereits 2011 von Eli Pariser. In diesen Echokammern sehen wir nur noch das, was wir gut finden und unterstĂŒtzen, interessant finden, nicht mehr die Gegenseite oder schlicht andere Meinungen. Gemocht habe ich diesen Begriff nie, denn als Journalist meinst Du natĂŒrlich, stĂ€ndig die Augen offen zu halten. Das nĂŒtzt nur nichts bei den sozialen Medien, denn tatsĂ€chlich ist das Problem an den Filtern, dass Du sie nicht siehst.
Und dann passiert das, wenn die Leute nur noch gefiltert bei Dir reinkommen. Erkenntnisse einer kleinen Umfrage am heimischen KĂŒchentisch mit zwei Teenagern:
  • Plötzlich bekommst Du nicht mehr mit, warum ein Instagram-Account namens „Mein Beichtstuhl“ 2,5 Millionen Follower hat.
  • Du erfĂ€hrst nicht, warum ein Pokemon Go SongMillionen Abrufe erfĂ€hrt.
  • Der Erfolg von „Galileo“ auf Pro 7geht an Dir vorbei, aber fĂŒr manche ist das Format auf YouTube ihre stĂ€ndige Tagesschau.
  • Tanzverbot sagt Dir was?
  • Mesut Özils krĂ€ftiges Statement zur Halbzeitpause eines Deutschland-Spiels kannst Du sofort zuordnen, obwohl kein Sportteil und auch Elf Freunde online damit nicht aufmachte? 500.000 Nutzer waren noch am gleichen Abend zumindest kurzzeitig dabei auf Twitch.
  • Den Robbetrend von Bam kannst Du auf die Schnelle nachmachen?
Vermutlich ist der Robbetrend so wichtig oder unwichtig wie Özils Geballer und Seehofers nĂ€chste Pressekonferenz oder Apples Anstieg seiner Aktie um 2,20 Prozent ĂŒbermorgen. FĂŒr irgendwen sind diese Dinge wichtig. FĂŒr viele nicht.
Wie man trotzdem davon erfĂ€hrt und sie fĂŒr sich einordnet, wird durchs Internet nicht einfacher, eher schwieriger, weil komplexer. Seit zwei Tagen hat mir der Facebook-Algorithmus nur noch, und ich sage: nur noch im Sinne von ausschließlich, Meldungen von Medien in die Timeline gespĂŒlt. Rhein-Zeitung, Berliner Morgenpost, die Morgenpost Reinickendorf, Spiegel Online, nichts anderes. Als wĂ€ren alle Privat-Accounts von Bekannten verstummt.
Keine Ahnung, wie man das wieder normalisiert, aber was ist schon normal: Bis vorgestern habe ich auf Facebook seit Jahren keine Medienmeldungen angezeigt bekommen, ich habe dort wohl zu vielen gefolgt; angezeigt wurden mir nur Privataccounts, außer von jenen Medien, die ich explizit per vorgenommener Einstellung an erster Stelle sehen wollte. Wie ich das bei Facebook wieder diversifizieren kann, weiß ich auch noch nicht.
Dabei ist kleine Gemeinschaften zu bilden immer der Anfang von etwas grĂ¶ĂŸerem – vorausgesetzt, es geschieht mit einer bestĂ€ndigen Vertrauensbasis. Deswegen hat auf Dauer wahrscheinlich nebenan.de ein grĂ¶ĂŸeres Potenzial als Facebook. 4500 Nachbarn haben sich da in meinem Kiez in meinem bisherigen Zweitwohnort in Berlin vernetzt, aufgenommen wird man nur per zugesandter ĂŒberprĂŒfender Postkarte, ob die angegebene Adresse stimmt.
Anschließend lĂ€dt eine Nachbarin zum gemeinsamen ErnĂ€hrungsabend Vegan–Vegetarisch–Ayurvedisch ein, ein anderer zum Betonschalenworkshop, und ein dritter verschenkt mir seinen Fernsehsessel. Das alles mag ĂŒber Facebook und Co. auch gehen, aber der Vertrauensbonus ist dank der PostkartenĂŒberprĂŒfung ein deutsches Hochhaus grĂ¶ĂŸer. Es mögen da nicht weniger Trolle und Idioten unterwegs sein. Aber am Ende findet man so immerhin etwas einfacher die fĂŒnf, sechs Leute fĂŒr den Doppelkopfstammtisch. So geschehen in der zweiten Heimat.
Die kleinen Gemeinsamkeiten treffen auch auf meinen Newsletter zu: Ich freue mich ĂŒber 60 Interessierte. Klar sind das viele Journalisten aus meiner Filterblase, die vermutlich zunĂ€chst einmal aus Neugierde weiterverfolgen, was ich so treibe. Wenn dann plötzlich an einem Tag fĂŒnf, sechs neue Leser hinzukommen, war es auch wieder eine dieser vielen kleinen, aber hilfreichen Bindungen, die das Netz ausmachen: die Empfehlung in einem anderen Newsletter, der mir schon mal beim Aufsetzen des eigenen Letters mit Blick auf Datenschutzgrundverordnung und Impressum sehr hilfreich war. Danke, Franziska Bluhm!
Aber eigentlich ist das noch nicht radikal genug. Wie kann man denn wirklich die anderen lesen? Mir fehlt dafĂŒr noch eine Anleitung. Mögt ihr mir das einmal schreiben?
 
Hat Dir diese Ausgabe gefallen?
Zum Abbestellen hier klicken.
Wenn Dir dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Dir gefÀllt, kannst Du ihn hier abonnieren.
Powered by Revue
Impressum: Marcus Schwarze, Goebensiedlung 20, 56077 Koblenz, marcus@schwarze.info, Telefon: +491606530303, USt.-ID DE156268786